Viele Menschen behandeln sich viel härter, als sie es z. B. mit ihrer besten Freundin oder ihrem besten Freund tun würden. Ihre To-do-Listen sind so voll, dass sie sie nur sehr schwer abarbeiten können, wenn etwas nicht so läuft wie sie es wollen gehen sie sehr hart mit sich ins Gericht. In ihren Gedanken kommen immer wieder Dinge vor, wie „ich bin nicht gut genug, ich habe das nicht verdient“. Diese Gedanken führen zu Minderwertigkeitsgefühlen und machen uns Menschen unser Leben schwer. Das ist das genaue Gegenteil von Selbstmitgefühl. Kommt dir das bekannt vor?

Woher kommt dieses Verhalten und was können wir tun, damit wir liebevoller mit uns umgehen?

 

Oft kommt dieses Verhalten aus der Kindheit. Wenn wir als Kinder sehr viel kritisiert wurden, dann neigen wir dazu, uns als Erwachsener auch sehr stark zu kritisieren. Unsere Eltern sind Vorbilder für uns als Kind, wir vertrauen auf ihr Urteil. Unser Selbstwert wird durch ihre Bestätigung geprägt.

Stell dir vor, deine Eltern kritisieren dich für alles, was du machst: Z. B. sitz gerade, was hast du heute schon wieder angezogen, so geht man nicht in die Schule, du gehst wie eine Schnecke  …

Mit der Zeit führt diese ständige Kritik dazu, dass du selbst von dir glaubst, du bist nicht in Ordnung so, wie du bist. Erst wenn ich alles richtig mache, werde ich von meinen Eltern geliebt.

Das spürt sich natürlich nicht gut an, deswegen entwickeln wir Schutzmechanismen und Strategien, um dem zu entkommen. Eine Strategie kann sein, du kritisierst dich selbst, bevor es deine Eltern tun. Das führt zu starken Minderwertigkeitsgefühlen, die viele Menschen auch als Erwachsener noch begleiten.

Es müssen auch nicht immer die Eltern sein, es können genauso Geschwister, Lehrer, Trainer dazu beitragen, dass wir als Erwachsene sehr hart zu uns sind.

Es trägt auch das Konkurrenzdenken unserer Gesellschaft dazu bei. Z. B. du möchtest etwas Bestimmtes studieren. Es gibt jedoch nur 50 Studienplätze, aber 500 Bewerber. Du bekommst diesen Studienplatz nicht, so hast du wieder das Gefühl nicht gut genug zu sein.

Das Vergleichen mit anderen Menschen beeinflusst unseren Selbstwert und kann dazu führen, dass wir nicht glücklich werden.

Die Nachteile der Selbstkritik sind deutlich höher als die Vorteile.

Selbstkritik ist eine Form von Missbrauch

Stell dir vor, du bist in der Arbeit und deine Kollegin macht etwas falsch. Wie reagierst du?

Du würdest sicher nicht mit ihr schreien und sagen: „Du dummes Ding, nicht einmal diese einfachen Dinge kannst du richtig machen!“

Warum nicht? Weil wir Menschen in uns genau wissen, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Weil wir nicht unfreundlich sein wollen. Das Problem dabei ist, dass selbstkritische Menschen regelmäßig innerlich so mit sich sprechen.

Jetzt stell dir vor, du würdest zum Beispiel mit einem Kind, dass sich deine Worte sehr zu Herzen nimmt, so sprechen. Hier würden wir von emotionaler Gewalt und sogar von Missbrauch sprechen.

Diese Beispiele zeigen, dass Selbstkritik eine Form von Selbstmissbrauch ist.

Wie reagiert ein Kind darauf, wenn wir es immer wieder als dumm und nutzlos bezeichnen? Mit der Zeit wird das Kind selbst an sich zweifeln, es wird eine Versagensangst entwickeln.

Genau dasselbe gilt für uns Erwachsene, keiner hält die Abwertungen auf Dauer aus. Egal, ob sie von außen, also von anderen Menschen kommen oder von uns selbst. Es entstehen Depressionen, Angstzustände und eine Unzufriedenheit im Leben.

Selbstkritik verursacht auf Dauer psychische Probleme.

Mit Selbstmitgefühl zur Selbstliebe

Denke noch einmal an das Beispiel mit deiner Kollegin. Du würdest vermutlich sagen: „Das kann jedem passieren, nicht so schlimm. Ich kann dir helfen, deinen Fehler auszubessern.“

Und genau so geht auch Selbstmitgefühl. Behandle dich so, wie du deine beste Freundin behandeln würdest.

Selbstmitgefühl beginnt mit Achtsamkeit. Du gestehst dir ein, dass du ein Problem hast und darunter leidest. Es ist nicht einfach, aber es ist keine Selbstverständlichkeit, so zu reagieren. So Sprichwörter wie: „Halt die Ohren steif“, „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, „Was dich nicht umbringt, macht dich nur stärker“ kennen viele in ihrem Leben. Sie lernen uns, dass wir es aushalten müssen.

Diesen antrainierten Impuls musst du entgegenwirken. Spüre, wie es dir in diesem Moment geht. Bist du traurig oder wütend. Egal, welches Gefühl da ist, lasse es zu. Sei achtsam mit dir. Das Annehmen dieser Gefühle ist ein wichtiger Schritt für deinen liebevollen Umgang mit deinem Problem.

Wie schaffst du es mehr Selbstliebe und Selbstmitgefühl zu entwickeln?

Am besten kann man sich immer vorstellen, wie würde ich mich verhalten, wenn es meiner besten Freundin oder meinem besten Freund so geht. Vielleicht würdest du Dinge sagen wie: „Es tut mir leid, dass es dir so geht.“ Meistens nehmen wir Freunde, denen es nicht gut geht in den Arm, um sie zu trösten.

Genau so solltest du mit dir selbst auch umgehen. Nimm dich in den Arm, lass die Gefühle zu. Deinem Körper ist es egal, wer ihn in den Arm nimmt. Er schüttet immer das Hormon Oxytocin aus. Dieses Hormon verstärkt das Gefühl von Ruhe und Geborgenheit. Sprich mit dir, wie du mit deiner besten Freundin sprechen würdest.

Es kommt dir wahrscheinlich komisch vor. Kann ich verstehen, es erfordert eine gewisse Zweiteilung von dir in verschiedene Rollen, die sonst von zwei Personen eingenommen werden. Die Rolle der umsorgenden und die Rolle der umsorgten Person. Doch diese Teilung erleichtert es dir und stärkt dein Selbstmitgefühl und deine Selbstliebe.

Das Selbstmitgefühl hilft dir dabei, dass du eine Distanz zwischen dich und deinen Schmerz bringen kannst. Damit gibst du dir selbst die Botschaft: „Ja ich leide, es geht mir nicht gut. Aber ich bin mehr als meine schlechten Gefühle. Ich bestehe auch aus Achtsamkeit und Anteilnahme, die ich mir entgegenbringe. Ich bin nicht nur liebesbedürftig – ich kann auch Liebe geben!“

Eine Achtsamkeitsübung kann dich weiter dabei unterstützen. Beobachte deine Gefühle, nimm sie an so, wie sie sind. Beschreibe das Gefühl, ohne es zu werten. So als würdest du von obendrauf schauen und sagen: „So fühlt sich mein Gefühl an. Gefühle kommen und gehen. Es bestimmt nicht mein gesamtes Leben.“

Achtsamkeit gibt dir deine Handlungsfähigkeit zurück. Du nimmst deine Gefühle an, statt dich von ihnen überwältigen zu lassen. Dadurch hast du die Möglichkeit, die Ursache deines Problems zu finden und es zu lösen.

Viele Menschen haben die gleichen Probleme

Es erleichtert es uns, wenn wir feststellen, dass wir mit unserem Problem nicht allein sind. Dass es viele Menschen gibt, die das gleiche Problem haben. Z. B. Prüfungsangst. Ich kenne kaum jemanden, der sich vor der Führerscheinprüfung nicht zumindest ein wenig gefürchtet hat. Es ist eine neue Erfahrung, so eine Prüfung hatten wir vorher noch nicht. Es ist normal, dass wir davor Angst haben. Diese Erkenntnis, dass es viele mit dem gleichen Problem gibt, kann sehr erleichternd sein.

Es kann tröstend sein, sich die Gemeinsamkeiten menschlicher Erfahrungen bewusst zu machen. Jeder Mensch macht Fehler und wir alle machen Rückschläge.

Das heißt nicht, dass du nicht aus deinen Fehlern und Rückschlägen lernen sollst. Du sollst anerkennen, dass sie ein Teil von dir sind, dass sie zu dir gehören. Es gibt nur keinen Grund, sich für Fehler zu bestrafen.

Selbstmitgefühl kann man trainieren

Es ist nicht leicht, all das umzusetzen. Es ist ein Prozess. Jedoch schon das Bewusstmachen, dass es bei mir so ist, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Nutze deine Achtsamkeit und reflektiere, wenn die Selbstkritik auftaucht, welche unerfüllten Bedürfnisse gibt es, welche liegen darunter? Frage dich: „Was kann ich tun, um dieses unerfüllte Bedürfnis zu erfüllen? Was würde ich meiner besten Freundin sagen?“

Akzeptiere dich so, wie du bist!

Du stärkst dein Selbstmitgefühl, indem du deine Sorgen und Probleme achtsam anerkennst, dadurch bekommst du die Möglichkeit dich, um deine Bedürfnisse zu kümmern.

Wenn du mehr zu diesem Thema wissen möchtest, kann ich dir das Buch „Selbstmitgefühl“ von Kristin Neff empfehlen.

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